Der Nachfragesog im Rundholzmarkt sorgt für Unruhe bei den
Verarbeitern – so bei der Industrie, vor allem aber bei den Sägereien. Sie
warnen insbesondere im Hinblick auf neu aufgebaute, sehr grosse
Verarbeitungskapazitäten vor einem Engpass in der Rundholzversorgung und rufen
dazu auf, waldseitig mehr Holz bereitzustellen. Welche Ansätze gibt es, um die
anziehende Nachfrage als Chance für die Holzkette nutzbar zu machen? Dieser
Frage ging unlängst ein gutbesuchter Workshop des Förderprogramms „holz 21“ des
BAFU in Lyss nach.
Die Schweizer Holz-Welt hat sich in der jüngsten Vergangenheit fast über
Nacht verändert: die Nachfrage boomt. Der steile Anstieg des Heizölpreises hat
zu einem beeindruckenden Abheben der Holzfeuerungen mit einer Unzahl kleiner und
einer Kaskade grosser Holz-Neuverbraucher geführt. Die Industrie fragt den
Rohstoff zunehmend nach. Die Sägereibranche, mit den bestehenden Unternehmen in
kontinuierlicher Expansion, sieht sich mit zwei neuen Werken konfrontiert, deren
Dimensionen für die Schweiz enorm sind. Nicht zuletzt eröffnet sich zugleich in
der bedeutenden Verbrauchsschiene des Bauwesens dem Holz der Massenmarkt
mehrgeschossiger Objekte – mit entsprechend absehbar steigendem
Materialbedarf. Nach Überzeugung von „holz 21“ überwiegen in dieser Situation
die Chancen insgesamt die Risiken bei weitem. Jetzt sollten alle Kräfte dazu
gebündelt werden, Strukturschwächen der Branche entschieden anzugehen. Tatsache
ist: im Schweizer Wald steht genügend Holz, um der steigenden Nachfrage zu
begegnen. Es aber wirklich zu mobilisieren, wird eine der wichtigsten
Herausforderungen der nächsten Jahre sein. Die nachfrageseitigen Veränderungen
fordern die Angebotsseite und damit die Waldwirtschaft. Wenn der Boom dem
Schweizer Holz und damit auch der einheimischen Waldwirtschaft zugute kommen
soll, ist es das Gebot der Stunde, die seit Jahren allseits geforderte
Mehrnutzung des vorratsreichen Schweizer Waldes nun kräftig anzukurbeln.
„holz 21“ und die Arbeitsgruppe „Fichte 2025“ luden unter dieser
Ausgangslage am 26. Juni an die Försterschule Lyss zu einem Workshop unter der
Leitung von Christoph Starck, Direktor Lignum, ein. Rund 70 Fachleute aus
Waldwirtschaft, erster Verarbeitungsstufe, Behörden und Verwaltung suchten in
diesem Rahmen Klarheit darüber, welche Perspektiven bezüglich Rundholzversorgung
in der Schweiz wahrscheinlich sind, welche Ansätze in der Waldwirtschaft
zugunsten einer optimalen Holzmobilisierung verfolgt werden sollten und welche
Problemkreise besonders im Auge zu behalten sind.
„Polemik hat
hier keinen Platz“
Andreas Götz, Vizedirektor BAFU, rief den Teilnehmern in seinem
Begrüssungswort den Zweck des Treffens in Lyss in Erinnerung – gemeinsam
möglichst unvoreingenommen und ohne Schwarzpeterspiel das weitere Vorgehen
festzulegen. „Polemik“, so Götz, „hat hier keinen Platz, dafür ist die Lage zu
ernst.“ Kurzfristig, also noch vor Inbetriebnahme der Grossägewerke und der
geplanten grösseren Holzenergieanlagen, sei es wichtig, das heute auf den Markt
gelangende Holz einer maximalen Verwertung zuzuführen. Mittelfristig aber – im
Horizont einiger Jahre – müsse das verfügbare Rohstoffpotential möglichst
vollständig genutzt werden. Das BAFU werde den Prozess der Holzmobilisierung im
Rahmen des geltenden Waldgesetzes unterstützen und maximale Hebelwirkung bei
seiner Fördertätigkeit suchen. Zusammenfassend hielt Götz fest: „Seit über
zwanzig Jahren träumen wir vom ‚Zeitalter des Holzes’. Nun zeichnet sich endlich
die Trendwende ab – wir dürfen diese Chance nicht verpassen.“ Drei
Impulsreferate steckten in der Folge das thematische Feld ab. David Walker,
Abteilung Wald BAFU, erläuterte aus Sicht des Amtes die Zahlenlage bezüglich
Vorrat, Zuwachs und Nutzung von Holz und zeigte die Ebene auf, in der die
Problemlösungsmöglichkeiten angesichts des sich akzentuierenden
Nachfrageüberhangs liegen. Sie wird aufgespannt durch die drei Punkte Kapazität
(Finanzen, Technologie, Institutionen, Personal), Willen (Präferenzen,
Interessen, Bewusstsein, Einstellungen) und Umfeld (Informations-Asymmetrien,
Vertrauen, Qualität der Institutionen). Letztere beiden Grössen, obwohl ebenso
essentiell wie die erstgenannte, finden leider kaum je die Beachtung, die sie
haben sollten.
Transaktionskosten: des Pudels Kern
Ernest Schiller, Schilliger Holz AG, erläuterte die Sachlage aus Sicht der
Sägereiindustrie. Er betonte, dass im heutigen Umfeld Verfügbarkeit,
Homogenität, gesichertes Wissen über die Eigenschaften und preisliche
Konkurrenzfähigkeit die primären Anforderungen an den Rohstoff seien, wobei sich
ein Grossägewerk bezüglich der Kosten wie der erzielbaren Schnittholzpreise
unweigerlich am internationalen Umfeld und damit an den Besten bzw. an
Marktpreisen orientieren müsse. Schilliger wies besonders darauf hin, dass der
Absatz für Mehrproduktionen im Ausland liege und dass günstige Rundholzpreise
die Exportfähigkeit steigerten. Des weiteren plädierte er dafür, die Fichte als
weitgehend optimale Baumart in bezug auf die Rohstoffanforderungen der
Sägeindustrie im Waldbau nicht zu vernachlässigen. Stefan Vögtli,
Geschäftsführer der Holzvermarktungszentrale Nordwestschweiz (HZN), brachte die
Sicht einer Organisation ein, die im vergangenen Geschäftsjahr im Gebiet
Baselstadt–Baselland–Fricktal–Dorneck 50’000 m3 Absatz und CHF 3,5 Mio. Umsatz
erreicht hat. Der Aufbau der HZN war von „holz 21“unterstützt worden; seit zwei
Jahren ist die Organisation eine AG und selbsttragend. Vögtli kam rasch auf die
zentrale Problematik der Holzbereitstellung zu sprechen: bei Privatwaldbesitzern
und öffentlichen Waldbesitzern ohne eigenen Forstbetrieb (also ohne Möglichkeit
der „Quersubventionierung“) stellt der erntekostenfreie Erlös den wichtigsten
Einflussfaktor für Holznutzungsmenge dar. Sie reagieren deshalb besonders
sensibel auf den Holzpreis. Der erntekostenfreie Erlös hängt aber auch von der
Höhe der Transaktionskosten ab. Die notwendige Reduktion der Transaktionskosten
ist in mehreren Bereichen anzugehen: im Waren- ebenso wie im Informations- und
Geldfluss.
Mut zur Effizienz
In fünf Workshops wurde das Problemfeld im folgenden unter kundiger Leitung
sektorenweise bearbeitet. Im Zentrum standen dabei nachgefragte Sortimente im
Schnittwarenbereich (Leitung: Bernhard Pauli, SHL Zollikofen), Holzenergie
(Oliver Thees, WSL), effiziente Holzernte in Hanglagen und im Gebirge (Hans R.
Heinimann, ETH Zürich), die Rolle der Waldeigentümer und Forstbetriebe in der
Rundholzproduktion (Peter Hofer, GEO Partner AG, Zürich) sowie die Bedeutung der
Forstdienste und Verbände als Motivatoren und Vermittler (Otmar Wüest, BHP –
Brugger und Partner AG, Zürich). Bezüglich nachgefragter Sortimente im
Schnittwarenbereich lieferten die Workshop-Ergebnisse in folgenden Punkten klare
Signale: Zum ersten ist die Fichte (mit der Tanne) aufgrund der mechanischen und
verarbeitungstechnischen Vorzüge ihres Holzes diejenige Baumart, die in der
verarbeitenden Industrie am meisten nachgesucht wird. Die Fichte sollte deshalb
nach wiederholt notierter Meinung aus Sicht der Holzwirtschaft im Wald
keinesfalls vernachlässigt, sogar eher gefördert werden. Mit der Förderung des
naturnahen Waldbaus bzw. der Erhöhung des Laubholzanteils zeichnet sich
langfristig eine Verknappung dieser für den Schnittwarenbereich sehr wichtigen
Baumart ab. Zum zweiten sollte zur Erhöhung der auf den Markt kommenden
Holzmenge für den Waldbesitzer die Möglichkeit bestehen, den Holzvorrat bis zu
einem gewissen Punkt zu senken. Im Feld der Holzenergie ist laut Oliver Thees
„keine unmittelbare Gefahr im Verzug“, es sei für die heute geplanten Anlagen
genügend Energieholz vorhanden. Es sei jedoch darauf zu achten, optimal zu
allozieren und das Sortimentsspektrum im Sinne der besten Wertschöpfung
vollständig zu nutzen. Darüber hinaus sei der Informationsfluss rund um
Energieprojekte insbesondere auch überregional unbedingt zu
verbessern. Effiziente Holzernte im schwierigen Gelände muss im
Wettbewerbsumfeld mithalten können. Das bedeutet Kosten von weniger als CHF
70.–/m3 in der Ernte, weniger als CHF 100.–/m3 eingangs Werk und weniger
als CHF 5.–/m3 in der Administration. Das lässt sich mit optimierten Aufträgen
unter Verzicht auf „homöopathische Dosierung“ (Hans R. Heinimann) der Ernte
erreichen, aber auch mittels effektiver Erhebung von Daten (nur einmal an der
Quelle; Mut zu einfachen, international kompatiblen Datenstandards), mittels
elektronischer Geschäftsabwicklung und Reduktion der administrativen Belastung,
qualifizierten Personals für hochmechanisierte Methoden und gebietsweiser
Koordination der Forstunternehmer und Transporteure. Die SBB wurden von den
Teilnehmern des Workshops als „Riesenproblem“ qualifiziert; es wurde in der
Arbeitsgruppe ohne Umschweife die Forderung nach Brechung des Transportmonopols
im Schienenverkehr erhoben.
Rolle der Eigentümer und Intermediäre
Die Bedeutung der Waldeigentümer und Forstbetriebe in der Rundholzproduktion
wurde ausgehend von der Frage zu fassen versucht, wo der nicht genutzte Zuwachs
eigentlich liegt. Dieser, so die Ausgangsthese, findet sich im Privatwald sowie
im kleinflächigen öffentlichen Wald. Einmal mehr erwies sich schnell, dass
Privatwald und öffentlicher Wald ganz verschieden zu betrachten sind, besonders
bezüglich der emotionalen Bindung zwischen Eigentümer und Ressource. Hingegen
ist in jedem Fall die Person des Revierförsters zentral; diese Vertrauensperson
kennt die Verhältnisse vor Ort und kann die Nutzungsentscheidungen prägen. Ein
Hauptaktionsfeld ist in den Einstellungen der Eigentümer zu vermuten; nach
Jahren und Jahrzehnten der Misere dürfte es längere Zeit dauern, bis die passive
Mehrheit die positiven Perspektiven des derzeit ablaufenden Wandels vom Käufer-
zum Verkäufermarkt erkennt und wieder Vertrauen zur Abnehmerseite fasst. Blosses
Warten auf höhere Preise ist derzeit immer noch verbreitet. Diese Handlungsweise
ist zwar verständlich, reicht jedoch nicht für eine nachhaltige Entwicklung der
Angebotsseite. Um diese zu erreichen, dürften Full-Service-Angebote für die
gebündelte Bewirtschaftung den Weg darstellen, auf dem sich gleichzeitig Kosten
senken, Preise optimieren und Einstellungen verändern lassen. Die dafür
notwendigen Strukturen müssten auf den bestehenden aufbauen; der Staat, so die
vorherrschende Meinung, dürfe dabei nicht mehr als Anschubhilfen geben. Die
Forstdienste und Verbände, so das Ergebnis eines weiteren Workshops, können
ihrer Rolle als Motivatoren und Vermittler vor allem durch die Bereitstellung
von Informationen, Beratung und verbesserte (positive) Kommunikation nach innen
und nach aussen gerecht werden. Holzmobilisierung, so eine klare Feststellung
aus dem Workshop, liege zwar im Interesse, nicht aber in der Verantwortung von
Forstdienst und Verbänden. Die Forstdienste bewegten sich zudem im Problemkreis
der Trennung von hoheitlichen und betrieblichen Aufgaben. Als Voraussetzungen
für eine nachhaltige Holzmobilisierung wurden eine gewinnbringende
Holzproduktion sowie die internationale Konkurrenzfähigkeit auf allen Stufen
erkannt. Um dies zu erreichen, sei das marktgerechte Verhalten und
wirtschaftliche Denken aller gefragt. Somit eine Absage an die Subventionierung
marktfähiger Produkte, statt dessen müssten die Arbeitsteilung verbessert sowie
die Rahmenbedingungen ausgeschöpft werden. Auch hier die eindeutige Botschaft:
Aufbruchstimmung nutzen statt Panikmache!
Versuch einer Synthese – vor Ort und mit Abstand
Die Moderatoren der fünf Workshops steuerten zum Schluss unter der
Gesprächsleitung von Christoph Starck, Direktor Lignum, zentrale Fragestellungen
im direkten Austausch an. Wirtschaftliche Effizenz erfordert zweifellos
verstärkte Koordination. Intensiv erörtert wurde die Frage, wer für die Rolle
des Koordinators prädestiniert scheint. Einhellig wurde die Ansicht vertreten,
dass diese eng mit der Bildung von Vertrauen verknüpfte Aufgabe unbedingt Sache
hochengagierter Personen – nicht anonymer Organisationen oder gar des Staates –
sein muss. Woher diese Personen stammen sollen, war weniger eindeutig: Vertraten
die einen die Meinung, der Forstdienst sei das beste Rekrutierungsreservoir,
hielten andere dafür, Waldeigentümer oder Unternehmer seien die geeignete
Gruppe. Ins Feld geführt wurde auch ein in Österreich erfolgreich erprobter
Ansatz, nach dem Bauern als „Waldhelfer“ zum Einsatz kommen. Immerhin schien
klar, dass der Forstdienst beim Aufbau von Vertrauen eine wichtige, wenn nicht –
zumindest subsidiär – die wichtigste Rolle spielt. Der Aspekt der
Vertrauensbildung muss jedoch auch die verarbeitende Industrie einschliessen.
Vertrauen wird vor allem dann zu einer fassbaren Grösse, wenn es klare und
einfache Abmachungen zwischen Anbietern und Abnehmern gibt, auf deren Gültigkeit
man sich verlassen kann.
Christoph Starck fasste am Schluss der Diskussion die wichtigsten Punkte für
ein vernünftiges Handeln zusammen: mehr Zahlentransparenz bezüglich der
tatsächlich nutzbaren Holzvorräte, mehr Dialog zwischen den Akteuren der
Holzkette ohne Schuldzuweisungen, weniger Problembeschwörung, dafür mehr
Überzeugungsarbeit zugunsten einer vermehrten Holznutzung, mehr Aufmerksamkeit
für das oft unterschätzte Umfeld und vor allem mehr Koordination zur Senkung der
Kosten und zur Bereitstellung marktgerechter Produkte. Die Ergebnisse des
Workshops sollen in Form einer Synthese für ein breiteres Publikum greifbar
gemacht werden.
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