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Umbruch am Holzmarkt: "Die Chance nicht verpassen"


15.08.06

Der Nachfragesog im Rundholzmarkt sorgt für Unruhe bei den Verarbeitern – so bei der Industrie, vor allem aber bei den Sägereien. Sie warnen insbesondere im Hinblick auf neu aufgebaute, sehr grosse Verarbeitungskapazitäten vor einem Engpass in der Rundholzversorgung und rufen dazu auf, waldseitig mehr Holz bereitzustellen. Welche Ansätze gibt es, um die anziehende Nachfrage als Chance für die Holzkette nutzbar zu machen? Dieser Frage ging unlängst ein gutbesuchter Workshop des Förderprogramms „holz 21“ des BAFU in Lyss nach.

Die Schweizer Holz-Welt hat sich in der jüngsten Vergangenheit fast über Nacht verändert: die Nachfrage boomt. Der steile Anstieg des Heizölpreises hat zu einem beeindruckenden Abheben der Holzfeuerungen mit einer Unzahl kleiner und einer Kaskade grosser Holz-Neuverbraucher geführt. Die Industrie fragt den Rohstoff zunehmend nach. Die Sägereibranche, mit den bestehenden Unternehmen in kontinuierlicher Expansion, sieht sich mit zwei neuen Werken konfrontiert, deren Dimensionen für die Schweiz enorm sind. Nicht zuletzt eröffnet sich zugleich in der bedeutenden Verbrauchsschiene des Bauwesens dem Holz der Massenmarkt mehrgeschossiger Objekte – mit entsprechend absehbar steigendem Materialbedarf.
Nach Überzeugung von „holz 21“ überwiegen in dieser Situation die Chancen insgesamt die Risiken bei weitem. Jetzt sollten alle Kräfte dazu gebündelt werden, Strukturschwächen der Branche entschieden anzugehen. Tatsache ist: im Schweizer Wald steht genügend Holz, um der steigenden Nachfrage zu begegnen. Es aber wirklich zu mobilisieren, wird eine der wichtigsten Herausforderungen der nächsten Jahre sein. Die nachfrageseitigen Veränderungen fordern die Angebotsseite und damit die Waldwirtschaft. Wenn der Boom dem Schweizer Holz und damit auch der einheimischen Waldwirtschaft zugute kommen soll, ist es das Gebot der Stunde, die seit Jahren allseits geforderte Mehrnutzung des vorratsreichen Schweizer Waldes nun kräftig anzukurbeln.
„holz 21“ und die Arbeitsgruppe „Fichte 2025“ luden unter dieser Ausgangslage am 26. Juni an die Försterschule Lyss zu einem Workshop unter der Leitung von Christoph Starck, Direktor Lignum, ein. Rund 70 Fachleute aus Waldwirtschaft, erster Verarbeitungsstufe, Behörden und Verwaltung suchten in diesem Rahmen Klarheit darüber, welche Perspektiven bezüglich Rundholzversorgung in der Schweiz wahrscheinlich sind, welche Ansätze in der Waldwirtschaft zugunsten einer optimalen Holzmobilisierung verfolgt werden sollten und welche Problemkreise besonders im Auge zu behalten sind.

„Polemik hat hier keinen Platz“

Andreas Götz, Vizedirektor BAFU, rief den Teilnehmern in seinem Begrüssungswort den Zweck des Treffens in Lyss in Erinnerung – gemeinsam möglichst unvoreingenommen und ohne Schwarzpeterspiel das weitere Vorgehen festzulegen. „Polemik“, so Götz, „hat hier keinen Platz, dafür ist die Lage zu ernst.“ Kurzfristig, also noch vor Inbetriebnahme der Grossägewerke und der geplanten grösseren Holzenergieanlagen, sei es wichtig, das heute auf den Markt gelangende Holz einer maximalen Verwertung zuzuführen. Mittelfristig aber – im Horizont einiger Jahre – müsse das verfügbare Rohstoffpotential möglichst vollständig genutzt werden. Das BAFU werde den Prozess der Holzmobilisierung im Rahmen des geltenden Waldgesetzes unterstützen und maximale Hebelwirkung bei seiner Fördertätigkeit suchen. Zusammenfassend hielt Götz fest: „Seit über zwanzig Jahren träumen wir vom ‚Zeitalter des Holzes’. Nun zeichnet sich endlich die Trendwende ab – wir dürfen diese Chance nicht verpassen.“
Drei Impulsreferate steckten in der Folge das thematische Feld ab. David Walker, Abteilung Wald BAFU, erläuterte aus Sicht des Amtes die Zahlenlage bezüglich Vorrat, Zuwachs und Nutzung von Holz und zeigte die Ebene auf, in der die Problemlösungsmöglichkeiten angesichts des sich akzentuierenden Nachfrageüberhangs liegen. Sie wird aufgespannt durch die drei Punkte Kapazität (Finanzen, Technologie, Institutionen, Personal), Willen (Präferenzen, Interessen, Bewusstsein, Einstellungen) und Umfeld (Informations-Asymmetrien, Vertrauen, Qualität der Institutionen). Letztere beiden Grössen, obwohl ebenso essentiell wie die erstgenannte, finden leider kaum je die Beachtung, die sie haben sollten.

Transaktionskosten: des Pudels Kern

Ernest Schiller, Schilliger Holz AG, erläuterte die Sachlage aus Sicht der Sägereiindustrie. Er betonte, dass im heutigen Umfeld Verfügbarkeit, Homogenität, gesichertes Wissen über die Eigenschaften und preisliche Konkurrenzfähigkeit die primären Anforderungen an den Rohstoff seien, wobei sich ein Grossägewerk bezüglich der Kosten wie der erzielbaren Schnittholzpreise unweigerlich am internationalen Umfeld und damit an den Besten bzw. an Marktpreisen orientieren müsse. Schilliger wies besonders darauf hin, dass der Absatz für Mehrproduktionen im Ausland liege und dass günstige Rundholzpreise die Exportfähigkeit steigerten. Des weiteren plädierte er dafür, die Fichte als weitgehend optimale Baumart in bezug auf die Rohstoffanforderungen der Sägeindustrie im Waldbau nicht zu vernachlässigen.
Stefan Vögtli, Geschäftsführer der Holzvermarktungszentrale Nordwestschweiz (HZN), brachte die Sicht einer Organisation ein, die im vergangenen Geschäftsjahr im Gebiet Baselstadt–Baselland–Fricktal–Dorneck 50’000 m3 Absatz und CHF 3,5 Mio. Umsatz erreicht hat. Der Aufbau der HZN war von „holz 21“unterstützt worden; seit zwei Jahren ist die Organisation eine AG und selbsttragend. Vögtli kam rasch auf die zentrale Problematik der Holzbereitstellung zu sprechen: bei Privatwaldbesitzern und öffentlichen Waldbesitzern ohne eigenen Forstbetrieb (also ohne Möglichkeit der „Quersubventionierung“) stellt der erntekostenfreie Erlös den wichtigsten Einflussfaktor für Holznutzungsmenge dar. Sie reagieren deshalb besonders sensibel auf den Holzpreis. Der erntekostenfreie Erlös hängt aber auch von der Höhe der Transaktionskosten ab. Die notwendige Reduktion der Transaktionskosten ist in mehreren Bereichen anzugehen: im Waren- ebenso wie im Informations- und Geldfluss.

Mut zur Effizienz

In fünf Workshops wurde das Problemfeld im folgenden unter kundiger Leitung sektorenweise bearbeitet. Im Zentrum standen dabei nachgefragte Sortimente im Schnittwarenbereich (Leitung: Bernhard Pauli, SHL Zollikofen), Holzenergie (Oliver Thees, WSL), effiziente Holzernte in Hanglagen und im Gebirge (Hans R. Heinimann, ETH Zürich), die Rolle der Waldeigentümer und Forstbetriebe in der Rundholzproduktion (Peter Hofer, GEO Partner AG, Zürich) sowie die Bedeutung der Forstdienste und Verbände als Motivatoren und Vermittler (Otmar Wüest, BHP – Brugger und Partner AG, Zürich).
Bezüglich nachgefragter Sortimente im Schnittwarenbereich lieferten die Workshop-Ergebnisse in folgenden Punkten klare Signale: Zum ersten ist die Fichte (mit der Tanne) aufgrund der mechanischen und verarbeitungstechnischen Vorzüge ihres Holzes diejenige Baumart, die in der verarbeitenden Industrie am meisten nachgesucht wird. Die Fichte sollte deshalb nach wiederholt notierter Meinung aus Sicht der Holzwirtschaft im Wald keinesfalls vernachlässigt, sogar eher gefördert werden. Mit der Förderung des naturnahen Waldbaus bzw. der Erhöhung des Laubholzanteils zeichnet sich langfristig eine Verknappung dieser für den Schnittwarenbereich sehr wichtigen Baumart ab. Zum zweiten sollte zur Erhöhung der auf den Markt kommenden Holzmenge für den Waldbesitzer die Möglichkeit bestehen, den Holzvorrat bis zu einem gewissen Punkt zu senken.
Im Feld der Holzenergie ist laut Oliver Thees „keine unmittelbare Gefahr im Verzug“, es sei für die heute geplanten Anlagen genügend Energieholz vorhanden. Es sei jedoch darauf zu achten, optimal zu allozieren und das Sortimentsspektrum im Sinne der besten Wertschöpfung vollständig zu nutzen. Darüber hinaus sei der Informationsfluss rund um Energieprojekte insbesondere auch überregional unbedingt zu verbessern.
Effiziente Holzernte im schwierigen Gelände muss im Wettbewerbsumfeld mithalten können. Das bedeutet Kosten von weniger als CHF 70.–/m3 in der Ernte, weniger als  CHF 100.–/m3 eingangs Werk und weniger als CHF 5.–/m3 in der Administration. Das lässt sich mit optimierten Aufträgen unter Verzicht auf „homöopathische Dosierung“ (Hans R. Heinimann) der Ernte erreichen, aber auch mittels effektiver Erhebung von Daten (nur einmal an der Quelle; Mut zu einfachen, international kompatiblen Datenstandards), mittels elektronischer Geschäftsabwicklung und Reduktion der administrativen Belastung, qualifizierten Personals für hochmechanisierte Methoden und gebietsweiser Koordination der Forstunternehmer und Transporteure. Die SBB wurden von den Teilnehmern des Workshops als „Riesenproblem“ qualifiziert; es wurde in der Arbeitsgruppe ohne Umschweife die Forderung nach Brechung des Transportmonopols im Schienenverkehr erhoben.

Rolle der Eigentümer und Intermediäre

Die Bedeutung der Waldeigentümer und Forstbetriebe in der Rundholzproduktion wurde ausgehend von der Frage zu fassen versucht, wo der nicht genutzte Zuwachs eigentlich liegt. Dieser, so die Ausgangsthese, findet sich im Privatwald sowie im kleinflächigen öffentlichen Wald. Einmal mehr erwies sich schnell, dass Privatwald und öffentlicher Wald ganz verschieden zu betrachten sind, besonders bezüglich der emotionalen Bindung zwischen Eigentümer und Ressource. Hingegen ist in jedem Fall die Person des Revierförsters zentral; diese Vertrauensperson kennt die Verhältnisse vor Ort und kann die Nutzungsentscheidungen prägen. Ein Hauptaktionsfeld ist in den Einstellungen der Eigentümer zu vermuten; nach Jahren und Jahrzehnten der Misere dürfte es längere Zeit dauern, bis die passive Mehrheit die positiven Perspektiven des derzeit ablaufenden Wandels vom Käufer- zum Verkäufermarkt erkennt und wieder Vertrauen zur Abnehmerseite fasst. Blosses Warten auf höhere Preise ist derzeit immer noch verbreitet. Diese Handlungsweise ist zwar verständlich, reicht jedoch nicht für eine nachhaltige Entwicklung der Angebotsseite. Um diese zu erreichen, dürften Full-Service-Angebote für die gebündelte Bewirtschaftung den Weg darstellen, auf dem sich gleichzeitig Kosten senken, Preise optimieren und Einstellungen verändern lassen. Die dafür notwendigen Strukturen müssten auf den bestehenden aufbauen; der Staat, so die vorherrschende Meinung, dürfe dabei nicht mehr als Anschubhilfen geben.
Die Forstdienste und Verbände, so das Ergebnis eines weiteren Workshops, können ihrer Rolle als Motivatoren und Vermittler vor allem durch die Bereitstellung von Informationen, Beratung und verbesserte (positive) Kommunikation nach innen und nach aussen gerecht werden. Holzmobilisierung, so eine klare Feststellung aus dem Workshop, liege zwar im Interesse, nicht aber in der Verantwortung von Forstdienst und Verbänden. Die Forstdienste bewegten sich zudem im Problemkreis der Trennung von hoheitlichen und betrieblichen Aufgaben. Als Voraussetzungen für eine nachhaltige Holzmobilisierung wurden eine gewinnbringende Holzproduktion sowie die internationale Konkurrenzfähigkeit auf allen Stufen erkannt. Um dies zu erreichen, sei das marktgerechte Verhalten und wirtschaftliche Denken aller gefragt. Somit eine Absage an die Subventionierung marktfähiger Produkte, statt dessen müssten die Arbeitsteilung verbessert sowie die Rahmenbedingungen ausgeschöpft werden. Auch hier die eindeutige Botschaft: Aufbruchstimmung nutzen statt Panikmache!

Versuch einer Synthese – vor Ort und mit Abstand

Die Moderatoren der fünf Workshops steuerten zum Schluss unter der Gesprächsleitung von Christoph Starck, Direktor Lignum, zentrale Fragestellungen im direkten Austausch an. Wirtschaftliche Effizenz erfordert zweifellos verstärkte Koordination. Intensiv erörtert wurde die Frage, wer für die Rolle des Koordinators prädestiniert scheint. Einhellig wurde die Ansicht vertreten, dass diese eng mit der Bildung von Vertrauen verknüpfte Aufgabe unbedingt Sache hochengagierter Personen – nicht anonymer Organisationen oder gar des Staates – sein muss. Woher diese Personen stammen sollen, war weniger eindeutig: Vertraten die einen die Meinung, der Forstdienst sei das beste Rekrutierungsreservoir, hielten andere dafür, Waldeigentümer oder Unternehmer seien die geeignete Gruppe. Ins Feld geführt wurde auch ein in Österreich erfolgreich erprobter Ansatz, nach dem Bauern als „Waldhelfer“ zum Einsatz kommen. Immerhin schien klar, dass der Forstdienst beim Aufbau von Vertrauen eine wichtige, wenn nicht – zumindest subsidiär – die wichtigste Rolle spielt. Der Aspekt der Vertrauensbildung muss jedoch auch die verarbeitende Industrie einschliessen. Vertrauen wird vor allem dann zu einer fassbaren Grösse, wenn es klare und einfache Abmachungen zwischen Anbietern und Abnehmern gibt, auf deren Gültigkeit man sich verlassen kann.

Christoph Starck fasste am Schluss der Diskussion die wichtigsten Punkte für ein vernünftiges Handeln zusammen: mehr Zahlentransparenz bezüglich der tatsächlich nutzbaren Holzvorräte, mehr Dialog zwischen den Akteuren der Holzkette ohne Schuldzuweisungen, weniger Problembeschwörung, dafür mehr Überzeugungsarbeit zugunsten einer vermehrten Holznutzung, mehr Aufmerksamkeit für das oft unterschätzte Umfeld und vor allem mehr Koordination zur Senkung der Kosten und zur Bereitstellung marktgerechter Produkte.
Die Ergebnisse des Workshops sollen in Form einer Synthese für ein breiteres Publikum greifbar gemacht werden.

 



News-ID: 08Q2Q3MLLE

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